Neoliberale Glaubenskrieger

Nirgendwo wurde seit dem Paradigmenwechsel in den 70er-Jahren vom Keynesianismus zum Angebotsdogma mit so deutscher Konsequenz auf die neue Heilslehre gesetzt, so radikal zwischen Gut und Böse getrennt und alles andere verteufelt. Nirgendwo werden ökonomische Vorstellungen mit derart quasireligiösem Eifer verkämpft und wird eine einzige ökonomische Vernunft postuliert – was jeden Widerspruch praktischerweise als Mangel an Einsicht aussehen lässt. Und während US-Wissenschaftler ganz sportlich das Etablierte infrage stellen, um neue Erkenntnisse zu gewinnen, leben und sterben deutsche Kollegen mit dem Problem, die große Wahrheit bei den Ungläubigen endlich unterzukriegen.

(Thomas Fricke über die deutsche Mainstream-Ökonomie, die sich, während sonst weltweit in der Ökonomie langsam ein Umdenken einsetzt,  immer noch an veraltete Dogmen klammert, die immer noch davon ausgeht, dass die Finanzkrise nur durch böse Politiker und Fehler Einzelner entstanden ist und dass die größten wirtschaftlichen Gefahren in Deutschland Schulden und Inflation seien.)

In der Tat ist es auch immer wieder erstaunlich, wie die Vertreter des Neoliberalismus, die normalerweise so etwas wie Werte und moralische Überzeugungen ablehnen und eine bloße Zweckrationalität fordern, die bei Begriffen wie “Gerechtigkeit” oder “Solidarität” in verächtlichen Zynismus übergehen, wie sie, wenn sie allein das Wort “Markt” benutzen, in eine Verzückung überzugehen scheinen, als sei ihnen der heilige Geist erschienen. Wie Religiöse von ihrem Gott, so sprechen sie von den Marktmechanismen, wie Erstere an eine göttliche Gerechtigkeit als letzte Instanz glauben, so glauben sie an eine, nun, man kann es wohl kaum Gerechtigkeit nennen, aber an eine Endlegitimation, an einen Endzweck im Markt. Die Ergebnisse des Marktes sind unfehlbar für die einen wie Gottes Wort für die anderen.

Dabei dürfen wir aber nicht den Fehler machen, den Markt nur als einen Mechanismus zu verstehen, durch den Angebot und Nachfrage in Einklang gebracht werden. Nein, der Markt steht bei ihnen als die Plattform der ungezügelten Konkurrenz, auf dem sich der Mensch als Homo Oeconomicus gegen den anderen Menschen durchsetzen muss – am besten immer und überall. Und natürlich gibt es dort Gewinner und Verlierer. Das Ergebnis des Marktes beruht also nicht, wie bei Anhängern religiöser Bewegungen, auf einer umfassenden Vernunft oder ähnlichem, sondern auf den Ergebnissen des Wettbewerbes, auf dem sich der klügste, schnelleste, stärkste, was auch immer, durchsetzt. Und der Verlierer ist nicht der, der gesündigt hat o.ä., also der, der bestimmte, bekannte Regeln gebrochen hat, sondern einfach der, der auf dem Markt verliert. Hier wie dort trägt aber der Verlierer selber an seinem Schicksal selbst die Schuld (natürlich immer aus der Sicht derer, die sich selbst als Gewinner, als Leistungsträger oder Erleuchtete oder Auserwählte sehen).

Und das, denke ich, ist der Grundsatz der Ideologie, die sie verehren, die sie predigen (ein Grundsatz, der in der Form, wie man an ihm festhält, zwar religionsartige Züge trägt, inhaltlich in gewisser Weise aber auch als Gegenstück zu Religionen oder philosophischen Richtungen  gesehen werden kann): die Wirtschaft wie die Gesellschaft sollen nicht durch Werte, nicht durch eine wie auch immer festzustellende oder zu bildende Vernunft, nicht durch Demokratie oder durch Planung, geregelt werden, sondern durch Wettbewerb und Konkurrenz, die blind sind für Zwecke und Werte, auf denen die, die sich durchsetzen, die Gewinner sind nicht durch bestimmte Qualifikationen und nicht legitimiert durch Werte, sondern nur durch den Vorgang selbst legitimiert, dass sie sich durchgesetzt, dass sie gewonnen haben. Dass Bestehende ist nicht vernünftig, es ist das Ergebnis der Erfolgreichen im Konkurrenzkampf, es soll aber auch nicht vernünftig sein, es soll nicht zur Vernunft gebracht werden. Denn der Markt ersetzt die Vernunft. Wer eine religiöse oder quasi-religiöse Überzeugung hat, auf dem alles, was ein Gott angeblich sagt, oder das, was sich aus dem Marktgeschehen ergibt, das Letzte, das Endgültige, das nicht zu Hinterfragende ist, braucht diese nicht mehr.

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7 thoughts on “Neoliberale Glaubenskrieger

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  4. Das ist wahr und wenn es wenig zu feiern gibt dann hat man ja noch das Präkariat auf das man heruntertreten kann um sich mit den Nutznießern der allgemeinen Ausbeutung noch identifizieren zu können. Eine billige Meinungsmache wie der FDP damit ihre Klienten nicht als Verursacher dieser Globalisierung / Neo-Kolonialisierung ins Visier geraten.

  5. Hm… das der Markt für manche Bewegungen so etwas wie einen religiösen Gott darstellt, habe ich auch schon gedacht und auch schon von ein paar Leuten gehört.
    Aber das der Wettbewerbsgedanke damit automatisch so üble Folgen hat, darüber hab ich tatsächlich noch nie nachgedacht.

    Damit wäre der Vergleich mit einer Religion ja schon eine Verharmlosung der Markt-Gläubigkeit… Denn Religionen predigen zumindest ihren Anhängern gegenüber ja normalerweise Solidarität. Das ist hier überhaupt nicht der Fall, wer nicht mit hält, wird einfach nieder getrampelt (nicht selten auch durch Intrigen um den eigenen Aufstieg zu beschleunigen), egal wie sehr er sich selber vorher um die gemeinsame Religion verdient gemacht hat. Schon sehr kalt.

    Nur ein paar spontane Gedanken zu dem Text. Danke dafür. 🙂

  6. @ antiferenngi:
    Ja, etwa auch die Moral, und vieles mehr.

    @ Moses:
    Das Schlimme ist, dass der Wettbewerbs- und Konkurrenzgedanke sich auf alle Lebensbereiche überträgt und als Regel für die gesamte Lebensführung gepredigt wird. Das meinte ich mit “Gegenstück zu Religionen”: bei diesen gibt es meist doch eine wie auch immer gerartete Form von Solidarität und eine Art der Gerechtigkeit. Rein Marktgläubige halten ja nicht einmal etwas von “Leistungsgerechtigkeit”. Was aus dem Markt entspringt ist das einzig für sie Legitime. Schon Hayek war ja etwa der Ansicht, dass es in der Wirtschaft keine Gerechtigkeit geben könne.

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